Agilität fördert Fehlertoleranz

20. August 2026

Fehler gelten zumeist als etwas Negatives. In der Sichtweise der agilen Didaktik ist das anders: Fehler werden als Lerngelegenheit gesehen. „Ein »Fehler« ist einfach etwas, wo noch etwas »fehlt« – somit ein Ausgangspunkt für lernen. Wo der Druck, Fehler zu verstecken, wegfällt, funktioniert Lernen mehrfach schneller.“ (Arn 2016, 137).

In der Theorie liest sich das natürlich gut, und wahrscheinlich würden Sie der Aussage zustimmen. Und gleichzeitig bewegen Sie sich mit Ihren Studierenden in einem hierarchischen System, in dem Sie über Prüfungen mit festgelegten Funktionen Vorgaben erfüllen müssen. Dieses Spannungsfeld werden Sie nie ganz auflösen können, zumindest wenn Sie für die Kreditierung der Lehrveranstaltung summative Prüfungsleistungen brauchen. Deshalb stellt sich die Frage, wie Sie eine positive Fehlerkultur in Ihrer Lehre etablieren können, „weil es Erfolg in der agilen Didaktik immer nur gibt mit der Erlaubnis zum Scheitern.“ (Arn 2016, 30). Es hilft immer wieder, sich die Synonym-Vorschläge für agile Didaktik vor Augen zu führen, z.B. Co-Didaktik: Sie als Lehrperson und Ihre Studierenden sind auf einem gemeinsamen Weg, und Sie stellen „Wissen und Können gerne in den Dienst der Lernenden und damit immer wieder auf die Probe“ (Arn 2016, 29).

Konkret kann das beispielsweise bedeuten, dass Sie konstruktives Feedback geben. Greifen Sie Fehler aktiv als Lernchance auf, z.B. wenn jemand einen Fachbegriff nicht richtig nutzt – wie sollten Sie ohne diesen Fehler wissen, dass es ein Missverständnis zu einem Begriff gibt? Und gehen Sie offen mit eigenen Fehlern um. Vielleicht ist das eine Anekdote aus Ihrer Studienzeit, vielleicht ein Fehler, der Ihnen kürzlich unterlaufen ist – seien Sie ein Vorbild für das, was Sie sich von der Lerngruppe wünschen. Zumal es wissenschaftliche Durchbrüche wie die Entdeckung von Penicillin gibt, die auf einem Fehler beruhten, und auch jedes „Nicht-Ergebnis“ in der Wissenschaft wichtig und eine Erkenntnis ist. Hat ein Experiment oder ein Studiendesign nicht funktioniert? Hervorragend! Berichten Sie davon. Wissenschaft braucht Fehlertoleranz, und eine Fehlersichtbarkeit in der Lehre trägt dazu bei, das für agile Lehre wichtige Vertrauen zwischen Lehrperson und Lernenden zu fördern. Agieren Sie als Vorbild, und betrachten Sie auch kritische Rückmeldungen nicht als eigenes Versagen, sondern als Möglichkeit der iterativen Verbesserung.

Autor*in

  • Julia Becker, Mitarbeiterin im Zentrum für Wissenschaftsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum; tätig u.a. zu den Themen Prüfen und Evaluieren & Feedback sowie Demokratiebildung in der Lehre, jbecker

Stand: