Sie sind hier: Ruhr-Universität Bochum LEHRE LADEN Lehrformate & Methoden Agile Lehre Herausforderungen und Lösungsansätze

Herausforderungen und Lösungsansätze

20. August 2026

Mögliche Herausforderungen

Aus der Beschreibung der Merkmale agiler Lehre wird deutlich, dass es sich um eine andere Art der Lehre handelt und Sie es mit Widerstand auf Seiten der Studierenden zu tun haben könnten, da diese im aktuellen Universitätssystem eine andere Art zu Lehren und zu Lernen gewöhnt sind. Widerstand gegen Veränderung kennen Sie sicherlich auch von sich selbst – zumal die universitäre Lehre vielfach noch stark von „klassischen Lehrformaten“ wie der Vorlesung geprägt ist und Lernende oft unter einem (gefühlt) hohen Druck des Erlangens von ECTS stehen. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch Ihre Studierenden skeptisch gegenüber neuen Methoden oder Ansätzen wie dem der Agilität sein können und sich gegen Veränderungen sträuben. Auch Sie als Lehrperson müssen sich wahrscheinlich erst an Agilität in der Lehre herantasten. Ungewohntheit und fehlende Erfahrung können also auf Lehrenden- und Studierendenseite zu Hemmungen führen was agile Methoden in der Lehre angeht. Eine mögliche Lösung ist die schrittweise Umsetzung einzelner agiler Methoden. Es muss nicht ein gesamter Kurs neu auf Agilität hin umgeplant werden. Zusätzlich hilft es sicher sich vor Augen zu führen, dass Sie als Lehrperson schon Ansätze von Agilität gelebt haben, die Ihnen vermutlich erst jetzt bewusst geworden sind. Sollten Sie schon einmal spontan auf die Bedürfnisse Ihrer Studierender eingegangen sein oder sollten Sie gemeinsam mit Studierenden über einen Teil der Kursgestaltung gesprochen und dann gemeinsam entschieden haben, haben Sie bereits agil gehandelt.

Eventuell gibt es organisatorische Rahmenbedingungen, die einer studierendenzentrierten Lehre gegenüberstehen, z.B. Vorgaben im Modulhandbuch zur Lehrform oder die Tatsache, dass Sie Ihre Lehrveranstaltung in einem Hörsaal mit festem Gestühl statt in einem Seminarraum durchführen müssen. Natürlich ist dann, wenn Sie Lehre interaktiver gestalten möchten, ein bewegliches Mobiliar förderlicher.

Für die iterative Gestaltung agiler(er) Lehre brauchen Sie Zeit für Reflexion, d.h. Sie müssen möglicherweise den Lernstoff reduzieren. Und wenn Sie technische Tools einsetzen, brauchen sowohl Sie als auch Ihre Studierenden entsprechende Kenntnisse in der Nutzung. Wieder zeigt sich hier, dass Aspekte der agilen Didaktik sich in anderen Themen der Hochschuldidaktik wieder finden, nämlich beispielsweise in der didaktischen Reduktion des Lernstoffes zur Erhöhung des Lernerfolgs und der Nutzung von Tools und ihrer Einführung.

Ein weiterer Punkt ist der Rollenwechsel der Lehrperson, der agiler Lehre (und anderen studierendenzentrierten Ansätzen) zugrunde liegt: Sie handeln nicht (mehr) als reine Wissensvermittler*in, sondern als Lernbegleitung. Und auf Ebene der studentischen Gruppen, die Sie begleiten, kann es Herausforderungen geben, z.B. wenn Teams zu klein oder zu groß sind oder sich dysfunktionale Gruppendynamiken entwickeln.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Vertrauen, zu dem Sie in den vorherigen Kapiteln bereits Hinweise finden konnten (z.B. hinsichtlich des Aufbaus einer Fehlerkultur und der Frage nach Ambivalenzfähigkeit). Neben der Ebene des Vertrauens zwischen Ihnen und Ihren Studierenden spielt auch Ihre Institution eine Rolle. Die bereits erwähnten ECTS sind Teil eines Regelsystems, an das auch das Qualitätsmanagement einer Hochschule angebunden ist. Hier sehen Verantwortliche (genauso wie ggf. manche Fakultäts-Vertreter*innen) womöglich die Gefahr, Kontrolle und Standardisierung würden in agilen Settings unmöglich werden (Walzik 2016, S. 247). Dabei finden eine agile didaktische Herangehensweise in der Lehre und das damit einhergehende Vertrauen zwischen Studierenden und Lehrenden sehr wohl in einem festen Rahmen statt und verfolgen klare Ziele. Agile Didaktik verwirft nur die Idee, Lernprozesse seien planbar, gar linear-kausal. „Vielmehr achtet sie die bestehende Tatsache, dass Lernprozesse sehr selten wie geplant ablaufen, beschwert sich nicht darüber, sondern nimmt sie in ihren Ansatz konstruktiv auf.” (Walzik 2016, S. 248)

Mögliche Lösungsansätze

Das Wichtigste: Gehen Sie bei der Umsetzung agiler Lehre schrittweise vor. Gegen das Gefühl der Überforderung und daraus resultierendem Widerstand hilft es, wenn Sie nach und nach Erfahrungen mit der Umsetzung agiler Didaktik sammeln und z.B. erst kleine Methoden einbauen, ehe Sie Ihre Studierenden eigenverantwortlich in Gruppen agil arbeiten lassen. Sie können sich einen Plan A („agil lehren“) und Plan B („klassisch(er) lehren“) erstellen, und in beiden bewusst Zeit für Reflexion einbauen, um sich dem iterativen Charakter agiler Hochschullehre zu nähern. Dabei müssen Sie nicht alleine entscheiden, was in einem Moment der beste nächste Schritt wäre, denn Sie haben ja „Co-Kreator*innen“ an Ihrer Seite: Sie haben wie bereits erwähnt die Möglichkeit, Studierende in Entscheidungen während der Lehrveranstaltung einzubinden.

Für Ideen zur studentischen Partizipation können Sie, genauso wie zu Methoden studierendenzentrierter Lehre, Schulungsangebote Ihrer Hochschule in Anspruch nehmen, und sich im wissenschafts- bzw. hochschuldidaktischen Zentrum beraten und unterstützen lassen. Sie können sich vorab, ggf. auch zusammen mit Studierenden, mit technischen Tools vertraut machen, wenn sie diese in Ihrer Lehre nutzen möchten.

Bei Prüfungen bietet es sich an, auf eine Kombination aus „kontinuierlicher Teamleistung (Projektergebnisse der Teams) und (…) individueller Leistung (Abschlusstest, schriftliche Ausarbeitung, o. Ä.)“ zu setzen (Sturm 2026, 54). Ein Prüfungsportfolio wäre hier denkbar. Der Herausforderung der fairen Bewertung von Gruppenleistungen können Sie z.B. durch Peer-Evaluation (Teammitglieder bewerten Beiträge) oder individuelle Reflexionsberichte begegnen.

Den Rollenwechsel, den Sie als Lehrperson genauso wie die in mehr Eigenverantwortung gebrachten Studierenden leisten müssen, können Sie unter anderem dadurch managen, dass Sie zu Beginn eines Semesters die Studierenden intensiver begleiten. Sturm weist hier auf die Vorbildfunktion von Lehrenden hin: „Entscheidend ist, dass die Lehrperson ein agiles Mindset vorlebt – inkl. Fehlerakzeptanz und iterativer Verbesserung –, denn sie prägt als Vorbild die Lernkultur im Kurs.“ (2026, 53) Auch helfen definierte Lernziele und Akzeptanzkriterien, fachliche Standards zu wahren. Im Laufe des Semesters werden sich alle – Sie und die Studierenden – an die neue Art zu Lehren und zu Lernen gewöhnen. Die Studierenden können dann immer freier arbeiten und brauchen weniger explizite Leitung.

Studentische Gruppen profitieren von einer möglichst großen Heterogenität in Kenntnissen und Fähigkeiten. Bilden Sie Gruppen von vier bis sechs Personen, und greifen Sie moderierend ein, wenn in einer Gruppe dysfunktionale Muster entstehen. (Sturm 2026, 53).

Denn der „Elefant im Raum“ ist ja: Lernen ist kein linearer Prozess, in dem vorne Wissen vermittelt wird und hinten Wissen herauskommt. Lernen ist ein aktiver Prozess, der individuell abläuft, und wesentlich mehr mit sozialen und persönlichen Aspekten zu tun hat als es unserem ansozialisierten Bild von Lehre entspricht. Wenn Prozesse des Lehrens und Lernens „ein Zusammenspiel lebendiger Systeme“ sind, dann resultiert daraus, dass „beim Lehren und Lernen eben nicht linear-kausale Prinzipien, sondern systemische wie Zirkularität, Wirkungsoffenheit, Kontextabhängigkeit, Selbstreferenzialität, Autopoiesis etc.“ gelten. (Walzik 2016, S. 247)

Auf Ebene der Hochschule als Ganzes ist ein Dialog über Lehren und Lernen unabdingbar, um sich gemeinsam für die Zukunft aufzustellen – insbesondere angesichts sinkender Studierendenzahlen in Deutschland.

Tipp: Zur vertieften empirischen Lektüre seien beispielhaft dazu eine internationale und eine nationale Metaanalyse besonders empfohlen: John Hattie (2008) mit „Visible learning“ und zahlreichen späteren Metaanalysen sowie „Variables Associated With Achievement in Higher Education: A Systematic Review of Meta-Analyses“ von Michael Schneider and Franzis Preckel (2017).

Autor*in

  • Julia Becker, Mitarbeiterin im Zentrum für Wissenschaftsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum; tätig u.a. zu den Themen Prüfen und Evaluieren & Feedback sowie Demokratiebildung in der Lehre, jbecker

Stand: