Begriffsklärung & Relevanz

20. August 2026

Die Hochschullehre steht vor vielfältigen Herausforderungen, die durch sich wandelnde gesellschaftliche und technologische Rahmenbedingungen geprägt sind. Traditionelle Lehrformate stoßen zunehmend an ihre Grenzen, wenn es darum geht, Studierende auf eine komplexe und dynamische Welt vorzubereiten. In diesem Kontext gewinnt die Idee der agilen Lehre an Bedeutung. Sie verspricht, flexiblere, partizipativere und lernendenzentriertere Ansätze in die Lehre zu integrieren.

Begriffsherkunft

Der Begriff „agil“ stammt ursprünglich aus der Softwareentwicklung der 1990er Jahre und beschreibt eine Arbeitsweise, die auf Flexibilität, Iteration und kontinuierlicher Verbesserung basiert. Übertragen auf die Lehre bedeutet dies, dass Lehrveranstaltungen nicht starr geplant, sondern in kurzen Zyklen bzw. situativ entwickelt und angepasst werden. Studierende werden dabei aktiv in den Lehr-Lern-Prozess einbezogen, und Lehrende reagieren flexibel auf das, was im gemeinsam gestalteten Lernsetting passiert.

Neuheit oder „kalter Kaffee“?

Ist die Idee agiler Lehre jetzt etwas Neues oder alter Wein in neuen Schläuchen? Beides. Auf der theoretischen Seite ist der Ansatz altbekannt, wenn auch zuvor nicht so benannt. Vieles, was agile Didaktik auszeichnet, entspricht den Erkenntnissen der empirischen Bildungsforschung (bei weitergehendem Interesse empfehlen wir Ihnen z.B. Ulrich 2020 oder Schneider/ Preckel 2017). Das Problem ist die praktische Umsetzung in den Lehrveranstaltungen. Wenn konkrete Konzepte zur Umsetzung fehlen, bleiben Schlagworte wie studierendenzentrierte Lehre inhaltsleer.

Voraussetzungen

Agilität braucht Vertrauen, und zwar auf Seiten der Lehrperson und der Studierenden. Sie als Lehrende*r müssen Ihren Studierenden vertrauen, dass diese an ihrem eigenen Lernfortschritt interessiert sind und dementsprechend lernen. Und Ihre Studierenden müssen Ihnen vertrauen, dass Sie willens und in der Lage sind, flexibel auf Situationen und Bedürfnisse zu reagieren. Grundlegendes Vertrauen und eine gemeinsame Lernrichtung durch gegenseitige Wahrnehmung und gute Kommunikation stehen im Zentrum, während Kontrolle und Fremdsteuerung hinderlich wären.

Agile Didaktik lebt von der Eigenaktivität der Lernenden und der Offenheit auf beiden Seiten für die Situation. Natürlich kann das für Sie erstmal neu sein, vor allem wenn in Sie in einer Fachkultur lehren, in der es traditionell um die Vermittlung von viel Stoff geht. Und für die Studierenden ist das vermutlich auch neu. Deshalb der vielleicht wichtigste Rat: Tasten Sie sich gemeinsam heran.

Für Sie als Lehrende*r bedeutet agile(re) Lehre vor allem: Sie müssen im Moment sein (und nicht gedanklich z.B. bei einer Idealvorstellung, was Sie in der Sitzung alles an Stoff „vermitteln“ möchten). Nur so können Sie wahrnehmen, was in dem Moment wichtig ist für den Lernprozess, und entscheiden, was Sie als nächstes tun. Vielleicht ist eine zusätzliche Übungsaufgabe passend, vielleicht sind die Studierenden auch schon so geübt, dass Sie direkt zum nächsten Thema springen können. Vielleicht braucht es noch eine Erläuterung Ihrerseits, vielleicht wäre es passend, die Studierenden miteinander ins Gespräch zu bringen, um Antworten zu finden. Wenn Sie sich darauf fokussieren, was im Raum geschieht statt welche Inhalte im Plan des Tages stehen, werden Sie die Entscheidung für ein Vorgehen leichter treffen können.

Autor*in

  • Julia Becker, Mitarbeiterin im Zentrum für Wissenschaftsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum; tätig u.a. zu den Themen Prüfen und Evaluieren & Feedback sowie Demokratiebildung in der Lehre, jbecker

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