Reflexionsprozesse
Wie wichtig Reflexion im Kontext von Begegnungs-Didaktik ist, wurde in diesem Beitrag schon vielfach thematisiert. Sie findet auch individueller Ebene statt – sowohl bei Studierenden als auch bei Ihnen als Lehrperson – und auf gemeinsamer Ebene in Gruppen.
Selbstreflexion Lehrender
Agile Lehre hat sehr viel mit Haltung zu tun. Haltung gegenüber Studierenden, Haltung gegenüber Lehr-Lernformaten, Haltung gegenüber unterschiedlichen Rollen, die Sie als Lehrende*r erfüllen sollen. Möglicherweise sind Sie in einer akademischen Welt und Ihrer Fachkultur sozialisiert worden, in der die frontale Wissensweitergabe normal (und angesehen) war. Und Sie haben es auf Ihre jetzige Position in der Wissenschaft geschafft – wahrscheinlich, weil Sie gut mit dieser Art der Lehre zurechtkamen. Doch die meisten Ihrer Studierenden werden nicht wie Sie ein*e Gewinner*in des Systems werden, und profitieren davon, wenn Lehre lernförderlicher gestaltet ist als es die frontale Wissensvermittlung ist.
Deshalb lohnt es sich, für sich selbst beispielsweise zu reflektieren:
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Wie viel Vertrauen bringe ich Studierenden hinsichtlich Ihrer Lernmotivation entgegen?
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Wie kann ich dazu beitragen, das gegenseitige Vertrauen zu erhöhen?
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Welche Erwartungen habe ich an meine Studierenden?
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Welche Erwartungen mache ich explizit, welche bringe ich implizit mit?
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Wie sehr prägt die Aussage „Das haben wir immer schon so gemacht.“ meine eigene Handlungsfähigkeit und mein tatsächliches Lehrhandeln?
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Was hilft mir selbst beim Lernen?
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Was haben mir Studierende in der Vergangenheit zurückgemeldet, was für sie lernförderlich ist?
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Mit wem kann ich über solche Themen sprechen?
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Welchen ersten kleinen Schritt kann ich in Richtung einer stärkeren Kontakt-Didaktik gehen?
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Auf welche Ressourcen kann ich zurückgreifen, wenn ich meine Lehre verändern will?
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Was brauche ich, um die ersten kleinen Schritte zu gehen?
Sie können die Reflexion (hand)schriftlich machen – das hat gemäß zahlreicher Studien positive Effekte auf das Lernen. Im Falle der Handschrift soll es einen lernförderlicheren Effekt als das Tippen auf der Tastatur geben, weil laut EEG-Messungen die Konnektivitätsmuster des Gehirns dabei ausgeprägter seien (Van der Weel & Van der Meer 2024).
Individuelle Reflexion Studierender
Die Fähigkeit zur Reflexion war schon immer Bestandteil eines Studiums, und erfährt seit der Debatte um „Future Skills“ (Ehlers 2020) neue Aufmerksamkeit. Studierende sollen in der Lage sein, während des Studiums die Fähigkeit zur fachlichen Reflexion und zur Selbstreflexion auszubilden bzw. weiterzuentwickeln. Dabei spielt die Reflexion der eigenen Lernprozesse eine wichtige Rolle. In der agilen Lehre ist diese Art der Reflexion immanenter Bestandteil. Denn wenn Sie als Lehrperson aktiv Rückmeldungen Ihrer Lernenden zu deren Lernstand einholen, reflektieren die Studierenden diesen. Und auf der Grundlage entscheiden Sie (oder Sie gemeinsam mit der Gruppe), was als nächstes im Lernprozess notwendig ist.
Diese Reaktion auf die aktuellen Bedürfnisse der Studierenden ist Teil agiler Lehre, und deshalb sollten Ihre Studierenden regelmäßig die Möglichkeit erhalten, über ihren Lernfortschritt, ihre Lernstrategien und ihre Lernerfahrungen nachzudenken. Mögliche Reflexionsfragen können sein:
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Was habe ich gelernt?
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Wie habe ich das gelernt?
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Welches Wissen und welche Fähigkeiten habe ich ausgebaut bzw. neu entwickelt?
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Was fehlt mir noch an Wissen, Fähigkeiten, …?
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Was hat mir beim Lernen geholfen?
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Was empfinde ich als lernhinderlich und was brauche ich, damit ich besser lernen kann?
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Auf welches bereits vorhandene Wissen (oder Fähigkeiten) kann ich zurückgreifen, um meinen Lernprozess zu stärken?
Eine mögliche Methode, um den eigenen Lernprozess zu dokumentieren, ist ein Lerntagebuch oder Reflexionsportfolio. Auch für die Studierenden bietet sich eine (hand)schriftliche Reflexion an. Wichtig ist, dass Reflexion für künftiges Vorgehen Schlussfolgerungen enthält, so dass ein Lerntagebuch oder Reflexionsportfolio auch Leitfragen dazu enthalten kann, vergleichbar mit den oben genannten Fragen „Auf welche Ressourcen kann ich zurückgreifen, wenn ich XY verändern will?“ und „Was brauche ich, um die ersten kleinen Schritte zu gehen?“
Reflexion in der studentischen Gruppe
Die Reflexion der Gruppenprozesse ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil agil gestalteter Lehre. Das betrifft sowohl die Studierenden, wenn sie z.B. in Kleingruppen arbeiten, als auch die gesamte Gruppe inklusive Ihnen als Lehrperson. Die Reflexion der Gruppenprozesse ermöglicht es, die Zusammenarbeit zu optimieren und Konflikte zu lösen. Deshalb ist sie im agilen Framework essenzieller Bestandteil, zumeist als sogenannte Retrospektive. In dieser Gruppenreflexion sprechen die Gruppenmitglieder über ihre Zusammenarbeit, die erreichten Ziele und die nächsten Schritte. Dabei geht es darum, was gut läuft in der Zusammenarbeit, was nicht so gut läuft, und wie die Zusammenarbeit weiter verbessert werden kann.
Neben der Reflexion in der Gesamtgruppe oder in Kleingruppen, geleitet/moderiert durch Sie, können sich auch Studierende untereinander Feedback eben. Solches Peer-Feedback bietet sich an. Studierende geben sich gegenseitig Rückmeldung zu ihren Lernprozessen und -ergebnissen. Dafür ist das bereits angesprochene Vertrauen genauso wichtig wie die erwähnte Fehlertoleranz. Und es braucht eine respektvolle Arbeitsatmosphäre für jede Form von Gruppenreflexion.