Praxisbeispiel an der RUB

20. August 2026
DOI: 10.60806/f829-p074

Warum Agilität in der Lehre?

Wie bereiten Sie Studierende auf eine berufliche Praxis vor, die von Unsicherheit, Veränderung und wachsender Komplexität geprägt ist? Diese Frage steht im Zentrum vieler hochschuldidaktischer Diskussionen, nicht nur in der Lehrkräftebildung, sondern in nahezu allen Disziplinen, in denen zukünftiges Handeln nicht vollständig planbar ist und Lösungen im Prozess entstehen müssen (Gehrs et. al, 2025, S. 17-18; Arn, 2024, S. 8, 23).

Damit rückt die Frage in den Fokus, wie Lehr-Lern-Formate gestaltet werden können, die nicht primär auf die Vermittlung stabilen Wissens zielen, sondern auf die Fähigkeit, in offenen, dynamischen und kooperativen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Konzepte wie Kompetenzorientierung, Selbststeuerung und kollaboratives Lernen verweisen dabei auf eine gemeinsame Herausforderung der Hochschullehre: Lernen so zu gestalten, dass es den Umgang mit Nicht-Linearität und Unsicherheit einschließt (Dippelhofer et. al., 2025, S. 55).

Vor diesem Hintergrund habe ich ein Oberseminar im Master of Education entwickelt, das Studierende auf ihren fünfmonatigen Einsatz an einer Schule im Praxissemester vorbereitet. Oberseminare dienen in dieser Phase des Studiums der Professionalisierung angehender Lehrkräfte und verbinden die Begleitung schulpraktischer Erfahrungen mit der wissenschaftlichen Reflexion. Das hier vorgestellte Blockseminar setzte innerhalb dieses Rahmens einen besonderen Schwerpunkt auf agile Arbeitsweisen.

Ziel war es, Agilität nicht als theoretischen Gegenstand zu behandeln, sondern als grundlegendes Lernprinzip erfahrbar zu machen. Dieser Fokus erscheint insbesondere für das Praxissemester bedeutsam, da Studierende in dieser Phase vielfältige, dynamische und häufig nicht vorhersehbare Anforderungen im schulischen Alltag bewältigen und ihr professionelles Handeln kontinuierlich weiterentwickeln.

Meine Beschäftigung mit Agilität entstand aus der Frage, wie ich Lern- und Arbeitsprozesse in komplexen Veränderungskontexten gestalten kann. Als zertifizierte Scrum Master und Agile Coach erprobe ich agile Prinzipien zunächst in schulischen Lernprozessen mit Schüler:innen und entwickelte daraus Lernarchitekturen, die Selbstorganisation, Kooperation und iterative Anpassung ermöglichten. Darüber hinaus nutzte ich agile Arbeitsweisen in der schulischen Organisationsentwicklung, um Veränderungsprozesse gemeinsam mit Beteiligten zu gestalten. Dabei zeigte sich, dass eine veränderte Arbeitsweise neue Methoden einführt, und die Zusammenarbeit, Verantwortungsübernahme und Kultur innerhalb der Organisation verändert.

Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte ich die Idee, Agilität nicht ausschließlich als Inhalt eines Seminars mit Studierenden zu vermitteln, sondern die Veranstaltung selbst entlang agiler Prinzipien zu gestalten. Angesichts zunehmender Komplexität und Dynamik im schulischen Kontext wollte ich Studierenden ermöglichen, Arbeitswesen kennenzulernen, die, wie oben beschrieben, Selbstorganisation, Kooperation und kontinuierliche Weiterentwicklung fördern. Ein nachhaltiger Lernkulturwandel entsteht dabei nicht allein durch neue Inhalte, sondern auch durch eine Veränderung der Formen, in denen Menschen zusammenarbeiten und gemeinsam lernen.

Statt über agile Werte, Frameworks und Methoden zu sprechen, arbeiteten die Studierenden in selbstorganisierten Teams, entwickelten Lösungen iterativ weiter, gaben sich kontinuierlich Feedback und reflektierten ihre Zusammenarbeit im Prozess. Damit wurde Agilität zur Struktur der gesamten Lehrveranstaltung „Agilität im Unterricht: Vorbereitung auf das Praxissemester“.

Dabei ging es ausdrücklich nicht darum, agile Methoden vollständig zu erlernen oder Rollen wie „Scrum-Master“ zu reproduzieren. Im Zentrum stand vielmehr die Erfahrung, wie sich Lernen und Zusammenarbeit verändern, wenn Verantwortung geteilt, Arbeit sichtbar gemacht und Zwischenstände bewusst als vorläufige Prototypen verstanden werden.

Gleichzeitig blieb der wissenschaftliche Anspruch der Veranstaltung zentral. Die Studierenden arbeiteten forschungsorientiert, bearbeiteten Beobachtungs- und Reflexionsaufgaben und verknüpften ihre Erfahrungen kontinuierlich mit theoretischen Perspektiven auf seminarspezifische Theorien. So entstand ein Lernarrangement, in dem Theorie, praktische Erprobung und Reflexion eng miteinander verschränkt waren.

Im Folgenden wird das Seminar als agiles Lernsetting vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen strukturelle Gestaltung, zentrale didaktische Prinzipien sowie Spannungsfelder und Übertragungsmöglichkeiten für die eigene Lehre.

Autor*in

  • Lena M. Kesting, Mitarbeiterin der Professional School of Education und AG Schulforschung der Ruhr-Universität Bochum. Schwerpunkte: Professionalisierung von Lehrkräften in der dritten Phase der Lehrer:innenbildung/ Lernbegleitung und Lernkulturwandel/ Innovative Lehr- und Lernformate im schulischen Kontext/ Agilität und Digitalität im Kontext schulischer Bildungsarbeit/ Begleitung von Schulentwicklungs- und Schulgru?ndungsprozessen., lenakesting

Stand: