Spannungsfeld Planung – Agilität
Entfällt mit agiler Didaktik die Planung einer Lehrveranstaltung komplett? Nein. Planung und Agilität sind nicht als sich gegenseitig ausschließende Gegensätze zu verstehen. Sie als Lehrende*r bewegen sich in der agilen Lehre auf einem Kontinuum zwischen den beiden Polen, und können während einer Lehrveranstaltung(-ssitzung) jederzeit stärker dem einen oder anderen Pfad folgen. Welchem Pol Sie dabei näher sind, hängt natürlich auch vom Format Ihrer Lehrveranstaltung ab: In einem Seminar ist grundsätzlich mehr agiles Handeln möglich als in einer Vorlesung, in der schon die Architektur des Hörsaals die Möglichkeiten zur Interaktion geringer macht.
Hilfreich kann es sein, sich die wesentlichen Unterschiede zwischen einer strikt durchgeplanten Lehrveranstaltung und einer agilen Herangehensweise vor Augen zu führen. Dazwischen liegt ein großes Spektrum an Optionen:
|
Agile Didaktik |
Übergang |
Plan-Didaktik |
|
Die aktive Präsenz im Unterrichten steht im Zentrum. |
Präsenz im Unterrichten und Vorbereitung sind ähnlich zentral. |
Die Vorbereitung ist zentral. |
|
Die Vorbereitung steht im Dienst dieser Präsenz. |
Die Präsenz spielt souverän mit der Planung. |
Die Präsenz hat sich an die Planung zu halten. |
|
Zu tun ist, was der Moment gebietet. |
Mal hält man sich an den Moment, mal obsiegt der vorgefasste Plan. |
Zu tun ist, was die vorbereitete Planung gebietet. |
Tabelle 1. Definition über den Fokus. Quelle: Arn 2016, 21.
So kann es beispielsweise sinnvoll sein, einer Sitzung einen groben Zeitrahmen zu geben, beispielsweise mit drei Blöcken für den Einstieg und die Wiederholung von bisherigem Lernstoff, einer Phase für die Erarbeitung neuer Inhalte, und schließlich einer Zusammenfassung und Klärung offener Fragen. Innerhalb dieser drei zeitlichen Blöcke jedoch könnten Sie auf weitere Zeitstrukturen verzichten und Sie reagieren auf das, was im gemeinsamen Lehr-Lern-Prozess geschieht, z.B. durch die Vorbereitung unterschiedlich schwieriger Aufgaben (siehe Methode „challenge-by-choice“ oder „bequem, mutig, waghalsig“). Oder in den Worten von Christof Arn: „Wer sich auf echte Kommunikation vorbereitet, würde schon in der Vorbereitung mehrere Varianten möglicher Abläufe vorsehen – und dann letztlich vielleicht nochmals etwas anderes machen.“ (2016, 28)
Wenn Sie mithilfe der Tabelle 1 an Ihre Lehrveranstaltungen denken, fallen Ihnen vielleicht direkt Beispiele ein dafür, dass Sie im Bereich des Übergangs oder agil gehandelt haben, ohne dass Ihnen die Differenzierung bewusst gewesen wäre. Ein Beispiel: Sie haben nach der Erarbeitung eines Themas mit den Studierenden gemerkt, dass diese noch nicht alles verinnerlicht haben, und spontan eine Übungsaufgabe gestellt. Da hat sich der Moment, die agile Reaktion auf das Bedürfnis im Raum, gegenüber dem Plan durchgesetzt, weil Sie als Fachexpert*in souverän den Lernprozess beeinflussen können.