Agilität unterstützt Ambivalenzfähigkeit
Wissenschaft lebt auch von Mehrdeutigkeiten. In einigen Fächern ist das präsenter als in anderen, und gleichzeitig gilt für alle Wissenschaftler*innen und die angehenden, dass sie mit Mehrdeutigkeiten (und Unsicherheiten) umgehen können müssen. Das wird als Ambiguitätstoleranz bezeichnet, und ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil von agilem Handeln.
Psychologisch wird Ambiguitätstoleranz als Persönlichkeitsmerkmal angesehen (Frenkel-Brunswick, 1949). Umgangssprachlich wird der Begriff häufig zusammenfassend für die Fähigkeit zum Umgang mit Ambivalenzen und Unsicherheiten genutzt. Die Psychologie sieht darin einen Zeitpunkt-bedingten Unterschied: Während sich Ambiguitätstoleranz auf Mehrdeutigkeiten in der Gegenwart bezieht, zielt Unsicherheitstoleranz auf die Zukunft ab.
Diese Begriffsunschärfe im alltäglichen Sprachgebrauch und die Klassifikation als nicht veränderbarem Persönlichkeitsmerkmal legt nahe, sich eines anderen Begriffs zu bedienen: Ambivalenzfähigkeit. Darunter wird die Fähigkeit verstanden Vieldeutigkeit, Unsicherheit und Widersprüchliches (bezogen auf Phänomene, Semantiken, Praktiken, Situationen und Ereignissen o.ä.) zu erfassen und auszuhalten sowie konstruktiv gestaltend damit umgehen zu können. Diese Fähigkeit lässt sich trainieren.
Nehmen wir Gruppenarbeiten oder gar projektförmige Lehrveranstaltungen z.B. im Format des challenge based learning: Alle Beteiligten müssen mit Unsicherheit und Ambivalenz umgehen, weil das Ergebnis sich erst im Laufe des Kurses herausbildet bzw. nicht sicher ist, ob es überhaupt ein Ergebnis wie erhofft geben wird. Oft ist es hilfreich für die Studierenden, wenn Sie mit ihnen darüber offen sprechen und klar machen, dass zur Natur solcher Lehrformate gehört.
Und gehen Sie, wenn möglich, offen mit Ihren eigenen Unsicherheiten um. Zeigen Sie so, dass es normal ist, nicht immer adhoc mit Mehrdeutigkeit und Unsicherheit umgehen zu können. Es könnte z.B. passieren, dass ein*e Studierende*r eine Frage stellt oder einen Diskussionsbeitrag formuliert, zu der oder dem Sie erst etwas recherchieren möchten, bevor Sie sich in einer Antwort festlegen. Und das gehört zur Wissenschaft, auch diesen Aspekt können Sie wiederholt thematisieren.