Das Seminar als agiles Setting
Das Seminar wurde nicht entlang einer klassischen Seminarlogik (Einführung – Vertiefung – Abschluss) strukturiert, sondern als iterativer Lernprozess angelegt, der sich an einer vereinfachten Produktentwicklungslogik orientiert. Ziel war es, Agilität als Arbeits- und Lernform erfahrbar zu machen.
Das Setting wurde über drei Semester hinweg mit Gruppen zwischen 16 und 40 Studierenden erprobt und jeweils weiterentwickelt. Grundlage waren stets praxisnahe Challenges aus dem schulischen Alltag, die entweder aus Hospitationsbeobachtungen abgeleitet oder als Fallbeispiele von mir eingebracht wurden. Dadurch war der Arbeitsauftrag konsequent an zukünftige Handlungssituationen von Lehrkräften angebunden.
Grundarchitektur
Die Grundstruktur des Seminars folgte einer dreitägigen Lernarchitektur, die bewusst als „Mini-Produktentwicklung“ (Blockseminar) angelegt war.
Der erste Tag diente dem Einstieg in das Thema und dem gemeinsamen Erleben zentraler Prinzipien agiler Zusammenarbeit. Die Studierenden lernten Begriffe kennen, und erfuhren durch kleine Übungen und prototypische Arbeitsformen, wie sich Zusammenarbeit unter agilen Bedingungen verändert. Im Vordergrund stand das Kennenlernen von Prinzipien wie Iteration, Transparenz und Kooperation.
Der zweite Tag verlagerte den Schwerpunkt auf selbstorganisierte Vertiefung. Die Studierenden arbeiteten in Teams eigenverantwortlich an einer praxisnahen Challenge und entschieden selbst über Vorgehensweisen, Arbeitsorganisation und Priorisierung. Dabei habe ich bewusst Raum für unterschiedliche Lösungswege gelassen, um meinen Studierenden die Erfahrung zu ermöglichen, dass komplexe Probleme nicht linear, sondern iterativ bearbeitet werden.
Ein Beispiel verdeutlicht diesen Prozess: Eine Gruppe beschäftigte sich mit der Entwicklung eines schulweiten Feedbacksystems zwischen Schüler:innen und Lehrpersonen. Die Studierenden entwickelten zunächst erste Ideen dazu, wie regelmäßiges und lernförderliches Feedback im Schulalltag verankert werden könnte. Anschließend überprüften sie ihre Ansätze mithilfe des gewählten agilen Frameworks, bezogen unterschiedliche Perspektiven ein und überarbeiteten ihre Lösungen kontinuierlich. Sie nutzten Rückmeldungen aus dem Seminar, um Annahmen zu hinterfragen und ihr Konzept weiterzuentwickeln. Dadurch erlebten die Studierenden, dass komplexe schulische Entwicklungsprozesse nicht durch eine einmalige Planung gelöst werden, sondern ein kontinuierliches Erproben, Reflektieren und Anpassung erfordern.
Der dritte Tag diente der Zusammenführung der Ergebnisse in Form schulbezogener Simulationen. Die Gruppen stellten ihre Ergebnisse in einem Setting vor, das beispielsweise einer Lehrer:innenkonferenz, einem Planungstreffen oder einer schulischen Abstimmungssituation nachempfunden war. Die übrigen Teilnehmer:innen nahmen dabei bewusst unterschiedliche Rollen ein und gaben aus diesen heraus Feedback und Rückmeldungen. Dadurch wurde der Transfer in schulische Handlungssituationen unmittelbar erfahrbar.
Agile Werkzeuge
Im Seminar wurden ausgewählte agile Werkzeuge eingesetzt als Strukturierungs- und Reflexionshilfen für den Lernprozess.
Ein zentrales Element war ein physisch im Raum sichtbares Kanban-Board, das den Arbeitsstand der Gruppen transparent machte. Dadurch wurde der Lernprozess jederzeit sichtbar und für alle Beteiligten nachvollziehbar.
Ergänzend arbeiteten die Studierenden mit einem gemeinsamen Backlog, das als dynamische Sammlung von Aufgaben, Zwischenschritten und Ideen diente und im Verlauf des Seminars kontinuierlich angepasst wurde.
Regelmäßige Retrospektiven und kurze Reviews innerhalb der Gruppen ermöglichten es, Arbeitsprozesse gezielt zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Dabei stand nicht die Ergebnisbewertung im Vordergrund, sondern die Frage, wie Zusammenarbeit gestaltet und verbessert werden kann.
Working Agreements dienten dazu, innerhalb der Gruppen verbindliche Regeln der Zusammenarbeit auszuhandeln. Ergänzt wurde dies durch Rollenformate („Hüte“), die Verantwortlichkeiten im Prozess sichtbar und verhandelbar machten.
Check-in- und Check-out-Formate strukturierten den Beginn und Abschluss einzelner Arbeitseinheiten und unterstützten sowohl Fokussierung als auch Reflexion.
Didaktisches Backlog
Neben der strukturellen und methodischen Gestaltung lag der eigentliche Kern des Seminars in einem didaktischen Verständnis von Lernen als iterativem Prozess. Der Begriff „didaktisches Backlog“ beschreibt dabei keine Aufgabenliste für die Studierenden, sondern fasst didaktischen Prinzipien und Gestaltungselemente zusammen, die die Entwicklung des Seminars leiteten. In Anlehnung an agile Arbeitsweisen wurden diese Elemente nicht als starre Planung verstanden, sondern als Orientierungspunkte, die im Verlauf des Seminars reflektiert und weiterentwickelt werden konnten.
Ein zentrales Prinzip war das Arbeiten mit Prototypen. Ergebnisse wurden bewusst nicht als fertige Lösungen verstanden, sondern als vorläufige Entwürfe, die im Prozess weiterentwickelt werden. Fehler wurden dabei explizit als Lernanlass verstanden.
Eng damit verbunden war der gezielte Einsatz von Irritationen als didaktisches Element. Offene Arbeitsphasen, wechselnde Anforderungen und hohe Selbststeuerungsanteile führten dazu, dass Studierende ihre gewohnten Lernstrategien reflektieren und teilweise neu ausrichten mussten.
Ein weiterer zentraler Aspekt war die Förderung von Selbstorganisation. Die Studierenden waren für Inhalte verantwortlich, und genauso für die Strukturierung und Steuerung ihres Arbeitsprozesses innerhalb der Teams.
Unterstützt wurde dies durch den Einsatz von Material als Denkraum. Analoge Materialien aus dem Design-Thinking-Kontext ermöglichten es, Denkprozesse sichtbar zu machen und Ideen physisch zu externalisieren.
Agilität wurde dabei sowohl implizit als auch explizit vermittelt: implizit durch die Struktur des Seminars selbst, explizit durch die bewusste Benennung und Reflexion der eingesetzten Prinzipien und Frameworks.