Drei Einstiegslogiken für agile Lehre

20. August 2026

Wenn Sie einzelne Elemente aus diesem Seminar für Ihre eigene Lehre übernehmen möchten, müssen Sie nicht Ihr gesamtes Lehrkonzept umstellen. In meiner Erfahrung hilft es, drei unterschiedliche Einstiegslogiken zu unterscheiden, je nachdem, wie viel Veränderung Sie in Ihrer Lehrveranstaltung zunächst ausprobieren möchten.

Mikro-Einstieg: Einzelne agile Einheiten ausprobieren

Der niedrigschwelligste Einstieg besteht darin, ein einzelnes agiles Element in eine bestehende Lehrveranstaltung zu integrieren. Sie müssen dafür nicht das gesamte Seminardesign verändern.

In meinem Seminar waren das beispielsweise:

  • eine kurze Retrospektive am Ende einer Sitzung, in der die Studierenden reflektieren, was sie gelernt haben und was im Lernprozess hilfreich oder hinderlich war,

  • ein Kanban-Board im Raum, das den Arbeitsstand der Gruppen sichtbar gemacht hat,

  • oder kurze iterative Arbeitsphasen, in denen eine Aufgabe zunächst als Entwurf bearbeitet, anschließend im Peer-Feedback überarbeitet und dann weiterentwickelt wurde.

Diese kleinen Interventionen haben bereits dazu geführt, dass Studierende Verantwortung für ihren Lernprozess stärker übernommen haben und die Zusammenarbeit sichtbarer wurde.

Meso-Einstieg: Eine Seminareinheit agil gestalten

Ein nächster Schritt besteht darin, einen zusammenhängenden Lernabschnitt als agile Lernphase zu gestalten, beispielsweise einen Seminartag oder eine thematische Einheit.

In meinem Seminar war dies der zweite Tag: Die Studierenden arbeiteten in selbstorganisierten Teams an einem gemeinsamen Arbeitsauftrag. Bereits in der Vorbereitung auf das Seminar setzten sie sich mit unterschiedlichen agilen Frameworks auseinander und lernten am ersten Blockseminartag weitere Ansätze wie Scrum, Design Thinking oder Objectives and Key Results kennen. Auf dieser Grundlage wählten die Teams ein Framework aus, mit dem sie sich am zweiten Tag vertieft auseinandersetzten und das sie für die Entwicklung einer Simulation zur Anwendung in einem schulischen Kontext nutzten.

Wichtig war dabei:

  • eine klare Ausgangsaufgabe für alle Gruppen,

  • ein gemeinsamer Arbeitsrahmen (Backlog, Zeitstruktur, Checkpoints),

  • sowie verbindliche Reflexionspunkte in Form von kurzen Retrospektiven.

Die Gruppen entschieden selbst, wie sie vorgehen, wann sie sich abstimmten und wie sie ihre Ergebnisse iterativ weiterentwickeln. Meine Rolle verschob sich dabei von der Steuerung hin zur Begleitung der Prozesse.

Makro-Einstieg: Ein agiles Seminar gestalten

Wenn Sie tiefer einsteigen möchten, können Sie ein komplettes Seminar als iterativen Lernprozess gestalten, vergleichbar mit einer Abfolge von Sprints aus der Produktentwicklung.

Für die Lehre bedeutete das:

  • drei klar strukturierte Lernphasen (Einstieg – Selbstorganisation – Simulation und Reflexion),

  • kontinuierliche Arbeit mit einem sichtbaren Kanban-Board,

  • regelmäßige Feedbackschleifen (Retrospektiven und Reviews),

  • sowie die Entwicklung von Ergebnissen, die nicht „fertig“ im klassischen Sinne sind, sondern iterativ verbessert werden.

Die Studierenden erlebten dadurch Agilität nicht als Methode, sondern als grundlegende Logik von Zusammenarbeit, Lernen und Entwicklung.

Abschließender Impuls

Agilität ist kein zusätzliches methodisches Konzept, sondern eine bestimmte Logik des Lehrens und Lernens. Sie entsteht nicht durch einzelne Methoden, sondern durch die bewusste Gestaltung von Iteration, Transparenz und Verantwortung.

Viele Lehrende kennen vermutlich die Reaktionen: „Das mache ich doch schon alles“ oder „Jetzt sollen wir auch noch agil werden“. Genau hier hilft eine klare Unterscheidung: Nicht jede Gruppenarbeit ist agil, und nicht jede offene Lernform ist automatisch selbstorganisiert. Entscheidend ist die didaktische Struktur dahinter.

Gleichzeitig gilt: Sie müssen nicht alles neu denken. Oft reicht ein bewusst gesetzter Impuls – eine Retrospektive, ein sichtbarer Arbeitsprozess oder eine kleine Iteration –, um Lehr-Lern-Dynamiken spürbar zu verändern.

Autor*in

  • Lena M. Kesting, Mitarbeiterin der Professional School of Education und AG Schulforschung der Ruhr-Universität Bochum. Schwerpunkte: Professionalisierung von Lehrkräften in der dritten Phase der Lehrer:innenbildung/ Lernbegleitung und Lernkulturwandel/ Innovative Lehr- und Lernformate im schulischen Kontext/ Agilität und Digitalität im Kontext schulischer Bildungsarbeit/ Begleitung von Schulentwicklungs- und Schulgru?ndungsprozessen., lenakesting

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