Spannungsfelder in der agilen Lehre

20. August 2026

Agile Lehrformate zielen nicht auf vollständig planbare und linear verlaufende Lernprozesse. Vielmehr machen sie Spannungen sichtbar, die in stärker vorstrukturierten Lehrsettings häufig weniger deutlich hervortreten. So kann etwa die Offenheit einer Lernaufgabe mit dem Bedürfnis der Studierenden nach Orientierung und klarer Vorgaben kollidieren. Diese Spannungen sind jedoch kein Problem im engeren Sinne, sondern ein struktureller Bestandteil agiler Lernprozesse und damit ein zentraler Lernanlass.

Was in diesem Setting gut funktioniert

Besonders deutlich zeigte sich in diesem Seminar die Wirksamkeit von selbstorganisierten Lernsettings. Sobald Studierende Verantwortung für ihren Arbeitsprozess übernehmen, entsteht häufig eine hohe Verbindlichkeit innerhalb der Gruppen. Die Studierenden treffen Entscheidungen nicht mehr ausschließlich mit Blick auf die Lehrperson, sondern handeln diese im Team aus und tragen sie gemeinsam.

Ein weiterer zentraler Wirkfaktor ist die Transparenz des Lernprozesses. Durch den Einsatz eines physischen Kanban-Boards sowie durch kontinuierliche Zwischenschritte machten die Studierenden ihre Arbeit sichtbar (Prozess), statt ausschließlich Ergebnisse zu fokussieren (Produkt). Dadurch konnten sie besser einschätzen, wie sich ihre Arbeit entwickelt, wo Engpässe entstehen und welche nächsten Schritte sie sinnvollerweise angehen.

Zudem erwiesen sich iterative Formate wie Prototyping, Feedbackschleifen und kurze Review-Situationen als besonders lernförderlich. Die Studierenden entwickelten Inhalte nicht einmalig und abschließend, sondern überarbeiteten ihre Ergebnisse bewusst mehrfach. Dabei nutzten sie insbesondere Peerfeedback als Ressource, um ihre Ideen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, Annahmen zu überprüfen und ihre Lösungsansätze weiterzuentwickeln. Durch den Wechsel zwischen eigener Gestaltung und Rückmeldung durch andere, übernahmen die Studierenden Verantwortung für den gemeinsamen Lernprozess. Diese wiederholte Auseinandersetzung vertiefte ihr Verständnis und stärkte ihre Fähigkeit, mit unvollständigen Lösungen produktiv umzugehen.

Wo Spannungen und Stolpersteine sichtbar werden

Eine erste Herausforderung lag in der Raum- und Materiallogik. Agile Settings benötigen Bewegungsfreiheit, flexible Arbeitsformen und eine gewisse Toleranz gegenüber Unruhe. In klassischen Seminarräumen führt dies schnell zu Spannungen, etwa wenn Gruppen parallel arbeiten, Materialien nutzen oder Diskussionen entstehen, die nach außen hin unstrukturiert wirken.

Ein zweiter Punkt ist die Wahrnehmung der Lernprozesse durch die Studierenden selbst. Phasen intensiver Eigenarbeit wurden nicht automatisch als Lernphasen erkannt, sondern teilweise als „offene Arbeitszeit“ oder sogar als fehlende Struktur interpretiert. Hier entstand ein Bedarf an klarer didaktischer Rahmung, damit der Sinn der Offenheit sichtbar blieb.

Ein drittes Spannungsfeld betraf die Steuerung von Arbeitsprozessen. Insbesondere digitale oder analoge Kanban-Systeme funktionieren nur dann als Organisationsinstrument, wenn Verantwortlichkeiten aktiv übernommen werden. Andernfalls bleibt die Koordination implizit bei der Lehrperson, was der Idee der Selbstorganisation entgegenläuft.

Schließlich zeigte sich eine kommunikative Herausforderung nach außen: Agile Lehrformate werden nicht selten als „Spielphasen“ oder methodische Auflockerung missverstanden. Ohne klare Transparenz über Lernziele und Prozesslogik besteht das Risiko, dass die didaktische Tiefe dieser Formate unterschätzt wird.

Umgang mit diesen Spannungsfeldern

Diese Spannungen lassen sich nicht vollständig auflösen. Entscheidend ist daher ein bewusstes didaktisches Design, das Struktur und Offenheit miteinander verbindet.

In meiner Praxis hat sich bewährt, Verantwortung gezielt zu verteilen, etwa durch klar definierte Rollen innerhalb der Gruppen oder durch kleine Verantwortungsformate („Hüte“), in denen einzelne Studierende bestimmte Prozessaufgaben übernehmen. Dadurch wird Selbstorganisation konkret erfahrbar und gleichzeitig entlasten diese Strukturen die Lehrperson bei der Prozesssteuerung.

Zudem ist es hilfreich, die Struktur des Seminars jederzeit sichtbar zu machen. Physische Kanban-Boards, klar gesetzte Checkpoints sowie regelmäßige Retrospektiven sorgen dafür, dass Offenheit nicht in Orientierungslosigkeit kippt. Sie machen den Lernprozess nachvollziehbar und unterstützen die Reflexion auf der Prozessebene. Die Anzahl und der Zeitpunkt dieser Reflexionsformate folgten dabei keiner starren Vorgabe, sondern orientierten sich am Lernprozess der Gruppen. Je nach Arbeitsstand setzten die Studierenden Reviews oder Retrospektiven ein, um Ergebnisse zu überprüfen, ihre Zusammenarbeit zu reflektieren oder nächste Schritte abzuleiten. Die Formate integrierten sie teilweise nach der Mittagspause, am Ende eines Blockseminartages oder als Check-out in den Prozess. Dabei übernahmen einzelne Verantwortliche (Hüte) aus den Gruppen, beispielsweise Teamsprecher:in oder Wellbeeing-Manager:in, die Organisation und Moderation dieser Reflexionsphasen. Diese wurden durch strukturierte Arbeitsblätter mit Leitfragen in Moodle zur Verfügung gestellt, die den Studierenden eine Orientierung für die gemeinsame Reflexion gaben.

Ein weiterer zentraler Umgangsmechanismus ist die bewusste Rahmung von Irritationen. Was zunächst wie Unsicherheit oder unstrukturierte Arbeitszeit wirkt, wird im Seminar explizit als Teil des Lernprozesses markiert. Gerade diese Irritationen eröffnen Lerngelegenheiten im Umgang mit Komplexität, Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung unter offenen Bedingungen (Bähr, I. et. al. 2019, S. 3).

Autor*in

  • Lena M. Kesting, Mitarbeiterin der Professional School of Education und AG Schulforschung der Ruhr-Universität Bochum. Schwerpunkte: Professionalisierung von Lehrkräften in der dritten Phase der Lehrer:innenbildung/ Lernbegleitung und Lernkulturwandel/ Innovative Lehr- und Lernformate im schulischen Kontext/ Agilität und Digitalität im Kontext schulischer Bildungsarbeit/ Begleitung von Schulentwicklungs- und Schulgru?ndungsprozessen., lenakesting

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